Hildegund von Schönau – Eine Mittelalerliche Transgender

‐  Eine historischpsychologische Analyse ‐


                                                                       

Yongku, Cha

                                        (Chung‐Ang University, Seoul/Korea)



I. Catharina Margaretha Linck.


Catharina Margaretha Linck ist keine Unbekannte in der Geschichte. 34 Jahre wurde sie alt, ehe sie anno 1721 durch das Schwert hingerichtet und unterm Galgen unehrenhaft verscharrt wurde. Nach der neuesten Untersuchunge von Angela Steidele1 arbeitete Catharina im Textilhandwerk, nachdem sie das Waisenhaus verlassen hatte. In einer radikalpietistischen Täufersekte lieęČ sie sich dann als Mann auf den Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel taufen, doch bereits davor hatte sie ihre Frauen‐ gegen Männerkleider getauscht. In Halberstadt bekräftigte sie 1717 ihren Männerstatus, indem sie als Anastasius Rosenstengel Catharina Margaretha Mühlhahn heiratete. Doch die Aufgabe, als Ehemann für das Familienauskommen zu sorgen, fiel Linck schwer. Bei einem Streit im Halberstädter Haus der Schwiegermutter wurde Lincks weibliches Geschlecht entdeckt und sie der städtischen Justiz übergeben. Catharina Mühlhahn kam ebenfalls ins Gefängnis. Der Prozess dauerte fast anderthalb Jahre und endete mit einer vom preuęČischen König bestätigten Hinrichtung Lincks und einer Zuchthausstrafe für ihre Frau.

Vor der Überbetonung des homosexuellen Begehrens als alleinigem Handlungsmotiv könnte gerade der Vergleich mit anderen "Frauen in Männerkleidern" bewahren. Die Geschichte von Catharina Margaretha Linck würde dadurch an Lebendigkeit und deren insgesamt gelungene historische Analyse nur noch an Überzeugungskraft gewinnen.



II. Frauen in Männerkleidern


Verweise auf historisch belegte Einzelschicksale der
Frauen in Männerkleidern existieren zwar, detailgetreue Untersuchungen standen jedoch bis heute aus. Immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird das Schicksal der Lesbierin Katherina Hetzeldorfer, die 1477 in Speyer unter öffentlichem Beifall ertränkt wurde. Auch Anna Ilsabe Bunck ist Frauenforscherinnen ein Begriff. 1702 wurde sie in Hamburg als "Jungfer Heinrich" gemeinsam mit ihrer Lebens‐ und Liebesgefährtin aufs Rad geflochten. Und auch die herzensguten Österreicher brachten noch 1748 eine der ihren, Maximiliana von Leithorst, ums Leben, weil diese seit ihren Pubertätsjahren als Mann ihr Glück gesucht hatte


Als Frauen verkleidete Männer waren in der frühen Neuzeit keine kuriosen Einzelfälle waren.2 Sie fuhren zur See wie Anne Mills oder Maritgen Jens, dienten als Soldaten wie die Niederländerin Maria von Antwerpen oder die Deutsche Antoinette Berg, oder wurden sogar Piraten wie Anne Bonney oder Mary Read. Die meisten der bislang bekannten Fälle stammen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, doch ist z.B. auch aus dem Mittelalter ein Fall bekannt: 1188 stellte sich beim Tod des jungen Novizen Jeoseph im Kloster Schönau bei Heidelberg heraus, dass dieser Mann tatsächlich eine Frau gewesen war, die daraufhin als Hildegund von Schönau bekannt wurde.



III. Hildegund von Schönau


Hildegund ist um 1171 in der Stadt Neuss geboren, die zum Erzbistum Köln gehöte.3 Ihr Vater, ein reicher Bürger von Neuss, nahm die kleine Tocher mit auf eine Pilgerreise nach Jerusalem.4 Aus der Quelle, lässt sich vermuten, dass Hildegunds Eltern keine Kinder bekammen. Der Vater legte das Gelübde ab, dass er, falls ihre groęČe Wünsche in Erfüllung gingen, zum Dank in das Heilige Land pilgern wollte.5

Auf der Wallfahrt steckte ihr Vater sie sicherheitshalber in Männerkleidung.6 Als ihr Vater in Tyrus erkrantke und verstarb, blieb sie allein mit dem ungetreuen Diener, der ihre ganze Habseligkeiten mitnahm. Bettelnd(mendico) und hungernd(fames crebras et gravissimas) allein musste sie groęČe Gefahren und Schwierigkeiten meistern. Nachdem ein Jahr verging, nahm ein mitleidender Pilger aus Deutschland sie mit nach Heimat.7


Es ist eine knappe Zusammenfassung über die elenden Erfahrungen von einem kleinen Mädchen, die uns durch die wissenschaftlichen Arbeiten schon bekannt ist.8  Aber es fäng die Geschichte von jetzt an, die uns interessiert. Nach dem Rückkehr ins Vaterland(Ad ultimum repatrio) schlüpte Hildegund weiterhin in männlicher Kleidung. Sie behielt den Namen Joseph. Ist es ein Willensausdruck von einer Frau, um ihre gebrechliche Geschlecht(fragilis sexus) zu überwinden, wie Engelhard von Langheim hinweist?9


Ich vertrete die andere Meinung. Geschlechtergrenzen zu überschreiten ist nicht unmöglich, anders als die mittelalterlichen Autoren behaupten, die Hildegundviten geschrieben hatten. In ihrer „Hosenrolle" wurde Hildegund als ein des Weges und der Sprache kundiger Mann zu einer gefahrvollen Botschaft an den Papst nach Verona beredet; sie trug den Brief eines Kölner Erzbischofs in ihrem Pilgerstab verborgen. Unterwegs bei Augsburg wird der ahnungslosen Hildegund Diebesgut untergeschoben, und ihr wegen Diebstahl zum Tode verurteilt. Doch durch ein Gottesurteil wird ihre Unschuld erwiesen. Nach den vielen Gefahren trat sie endlich in das kürzlich gestiftete Zistezienserkloster Schönau in der Nähe von Heidelberg ein, wo sie unerkannt bis ans Ende ihrer Tage verblieb.10 In dem Kloster erkrankt sie schwer und strab. Erst nach ihrem Tod hatten die Mönche ihr wahres Geschlecht entdeckt und stellte Nachforschungen über ihre Herkunt an.


IV. Hildegund – eine mittelalterliche Transgender


Transgender zeichnet sich durch die dauerhafte GewięČheit aus, sich dem anderen Geschlecht zugehörig zu fühlen.11 Vergleicht man den Begriff „Transgender" zum „Transsexuelle", bezieht er sich nur jene, die den Geschlechtswechsel ausschlieęČlich um Sozialen anstrebten und die Eindeutigkeit einer körperlichen Umwandlung ablehnen.



Als Hildegund wohlbehalten in die Heimat zurückkam, behielt sie den männlichen Namen „Joseph", die männliche Kleidung bei und nahm die soziale Rolle als ein junger Mann wahr. AnschlieęČend tritt sie als Novize ins Männerkloster Schönau, wo sie ein Jahr lang lebte. Indessen wunderten sich die Mitbrüder über die zierliche Gestalt und die hohe Stimme des Ordenmannes.12 Aber sie schöpften keinen weitergehenden Verdacht, da Hildegund mit Manneskraft hart arbeiten konnte.13

Hildegund wollte ein Mann sein. Hildegunds Biographer Engelhard von Langheim selbet weisst darauf hin, dass „diese gebrechliche Frau ihr Geschlecht vergessen habe".14 Dieser Ergebnis tritt gegen die Meinung von A. Liebers, „dass Hildegund, obwohl sie sich als Mann verkleidet, doch immer eine Frau bleibt. Sie behält alle Eigenschaften eines jungen Mädchens, sie bleibt schüchtern und ängstlich."15 Schüchtern und ängstlich zu sein gehört nicht unbedingt zur Eigenschaft eines Mädchens. Die Frauen werden von den Männern bloęČ so erzogen, dass sie schüchtern und ängstlich bleiben sollte. Dass Hildegund sich zurückgezogen verhielt, bedeutet nicht dass sie „immer eine Frau bleibt."  Vor den Krisensituationen überschritt sie Geschlechtergrenzen. Wenn man den Begriff „Transgender" als das Überschreiten herkömmlicher Geschlechterrollen und geschlechtsgezogener Normen versteht, war Hildedund dann eine Transgender!


Die SelbstäuęČerung Hildegunds, aus denen man auf ihre Handlungsmotive schlieęČen könnte, fehlen. Die Hauptqullen, woaus ihre Lebenszüge zu enthüllen sind, beschränken sich auf ihren Viten, deren Schreiber ausschlieęČlich die Zisterzienser waren.16 Sie deuten jedoch vorwiegend deren klösterlichen Perspektive aus dem 12. Jahrhundert an: Frauen sind ein schwacheres Geschlecht.

Aber wenn wir auf den Text ihrer Viten näher eingehen, sind andere Zusammenhänge noch zu entüllen. Nach Engelhard erweist Hildeund als die eigentlich schwache Frau(fragilis sexus) sich in allen Notsituationen stärker als das sogennate starke Geschlecht. Trotz der lebensgefährlichen Lage versteht Hildegund es, sich als Joseph durchzuschlagen. Und sie beweist sich fähig, die diplomatische Aufgabe – eine offizielle Angelegenheit, die gewöhnlich als Männersache zu verstehen ist ! ‐ als Bote zu erledigen. Im Kloster Schönau könnte die harte körperliche Arbeit sie dazu verleiten, ihr wahres Geschlecht preizugeben. „Tapfer kämpfte sie schwere Kämpfe(Fortiter fortes pugnas aggressa est)."

Der Dichter der metrischen Vita Hildegundis würdigt die Tapferkeit Hildegunds: „Dieser Mann war der Kleidung nach ein Mann, aber unter den Kleidern war er ein Mädchen. Es schickte die zarten Hände zu Tapferem an und sinkt nieder, schwankend flieht das Fleisch harte Arbeit und seelische Überlastung. Jetzt zwar besiegt, doch Sieger bald im Geist, nimmt es die Waffen auf und kämpft, und im schwachen Geschlecht siegt die Geduld." Anders als Engelhard kontrastiert der Dichter Hildegunds Stärke nicht mit der Schwäche der Männer, doch er lobt ungeschmälert ihre virtus, ihren männlichen Mut.

Auch der Autor der Salemer Handschrift setzt Hildegund als Vertreterin für die Frauen positiv gegen das männliche Geschlecht ab: „Gott, der diesem zerbrechlichen weiblichen Geschlecht eine so tapferen und männlichen Geist geschenkt hat."17 Der Autor nennt Hildegunds Tat gloriossimum virginis triumphum, den Männern zur Nachahmung empfohlen, den Frauen zum Ruhm(virili sexui imitabile, femineo gloriosum).

Die verschiedenen Fassungen beweisen, dass Geschlechterunterschied nicht zum Problem werden könnte. Obwohl Hildegunds Vitenschreiber die traditionelle Gender‐Ideologie vertritt, dass der Geschlechterunterschid nicht zu überwinden ist, und diese vermeintliche Meinung in den Mittelpunkt ihrer Texte stellten, zeigt sich in der Hildegunds Lebensgeschichte, dass Geschlecht eine sozial konstruierte Kategorie und keine natürliche Gegebenheit sei.



1 Angela Steidele,  In Männerkleidern (Böhlau, 2004), 150.


2 Rudolf DEKKER / Lotte van de POL, Frauen in Männerkleidern ‐ Weibliche Transvestiten und ihre Geschichte (Wagenbach‐Verlag, 1990)


3 Vita und Miracula, 517: Indigena sum, inquit, terre huius natus in territorio Coloniensi; Vita Hildegundis metrica, 533: Fovit me patrie vicina Colonia terre. Dialogus Miraculrorum 47: In civitate Nussia, quae quinque milliaribus distat a Colonia civitate magna.


4 Dialogus Miraculrorum, 47: filiam habens formosam ac dilectam, nomine Hildegundem.


5 Vita S, Hildegundis Virginis, 778


6 Vita S. Hildegundis Virginis, 781.


7 Vita und Miracula, 517: Mendico... Transit annus... Theutonicis... Quidam postremo nobilium accepit me in sua, curam mei habens; cum ipso transfretavi. Romam docuit me fames et neccessitas mendicandi; Vita Hildegundis metrica, 534: Mota querendo movet cunctos contricio Joseph. In sua me tandem suscepit larga potestas, Restituens oris reducem patrie regionis; Dialogus Miraculrorum, 48.


8 V. R. Hotchkiss, Clothes make the man. Female Cross Dressing in Medieval Europe (London/New York, 1996); A. Liebers,  "Eine Frau war dieser Mann" Die Geschichte der Hildegund von Schönau (eFeF‐Verlag, 1989).


9 Vitae und Miracula, 520: Velim hanc miraculo feminis, viris exemplo.


10 Dialogus Miraculrorum, 51: Inter viros dormivit, cum viris comedit et bibit, viris ad disciplinas dorsum suum nudavit... tamen ne sexus eius notaretur.


11 Hier ist gender das Wort für das soziale Geschlecht, im Gegensatz zu sex, das die bilologische Seite des Mannes‐ oder Frau‐Seins meint.


12 Dialogus miraculorum, 50; Dialogus miraculorum, 51: mentum tuum... sicut mentum mulieris.


13 Vitae und Miracula, 517: maxime apud nos, ubi cuncta sunt fortia.


14 Vitae und Miracula, 520: Fragilis hec oblita sit sexum.


15 Liebers,  "Eine Frau war dieser Mann", 11.


16 Die Lebensgeschichte Hildegunds ist in mehreren Fassungen überliefert. Die drei frühesten Fassungen – die Wundergeschichte Engelhards von Langheim, die metrische Version und die Salmer/Paderbonder Fassung – sind direkt nach ihrem Tod(1188) entstanden. Die Fassung des Caesarius von Heisterbach ist um 1225 entstanden, die fünfte Lebensbeschreibung Hildegunds ist Schönauer Vita Hildegundis, die Anfang des 13. Jahrhundert verfaęČt wurde.


17 De Sancta Hildegunde Virgine 95: dues qui in fragili femineo sexu tam virilem tamque fortissimum donavit animum.